Die Tops und Flops des Löwen – eine Zwischenanalyse

Ursprünglich hatten wir diesen hervorragenden und ehrlichen Text von Jörg Meyer für den Print (Mixology Issue 4/2008) vorgesehen. Aus Zeit- und Platzgründen veröffentlichen wir ihn im Barbaublog. Es geht darin um ein erstes Resümee, was vom ursprünglichen Konzept verwirklicht werden konnte und was sich als unrealistisch erwies (H.A.):

Kommt ein Gast im EM Sommer in eine Bar…“ – Bartender Witz 2008
Der Sommer macht einer klassischen Bar zu schaffen, keine Frage. Ein EM Sommer hingegen, lässt die erwarteten Umsätze noch einmal geringer ausfallen. „Durchhalten!“, möchte man in den ruhigen Sommermonaten jedem Bartender jenseits des Beach Clubs und der Sports Bar zurufen.

Auch uns im Löwen traf dieser (fußballastige) Sommerauftakt härter als gedacht und die Monatsumsätze haben sich zwischenzeitlich fast halbiert. Nach gut sechs Monaten gaben sich die ersten Konzeptionellen TOPʻs und einige große Fehler herauskristallisiert. Ich möchte mir erlaube, diese vorzustellen.

Großer Fehler Nr.1

Beim Planen haben wir uns keine Gedanken darüber gemacht, was eigentlich unter unserer Bar für Räume liegen. Das der Heizungskeller die darüber liegenden Teile der Bar so sehr aufheizt, hätten wir nicht erwartet. Der angenehme Effekt im Winter: Wir konnten fast vollständig die Heizung abdrehen. Unangenehmer Effekt ab Mai.

Die Raumtemperatur steigt über 25 °C – kurzfristig muss eine Klimaanlage eingebaut werden. Knapp eine Woche ist es ein der Bar nicht auszuhalten, wir verlieren Gäste. Eine fast fünfstellige Investition bringt Abhilfe – Klima läuft – der Sommer kann kommen (besser aber noch – sich schnell wieder verabschieden!)

TOP Löwe Nr.1

Die ursprünglich geplante Präsentations- und Arbeitswanne hinter der Tresenbrett verfehlt Ihre Wirkung nicht. Wir Bartender lieben das Arbeiten direkt auf Augenhöhe vor dem Gast – die Gäste lieben es noch mehr. Diverse Flaschen Jahrgangschampagner finden hier einen angemessenen Rahmen für den Verzehr am Tresen. Wir sind der festen Meinung, das uns so eine Art Eiswanne in Naher Zukunft in der einen oder anderen Bar begegnen wird.

Großer Fehler Nr. 2

Es fehlen Nischen. Da wir die Bar mit gut fünfzehn Sitzplätzen weniger als gewünscht eröffnen mussten, hatten wir uns für lange, durchgehende Bänke entschieden. An gut besuchten Wochenenden können wir so deutlich mehr Gäste platzieren. An ruhigen Tagen (und im Sommer), fühlen sich die Gäste unwohl, hätten lieber kleinere Sitzgruppen.

Für die Mitte des Raumes gilt ähnliches. Für ruhige Abende ist sie zu leer. Wir überlegen umzubauen, bzw. arbeiten gerade an einer flexiblen Lösung. Erneute Investitionen — Flucht nach vorn.


TOP Löwe Nr. 2

Food: Unsere kleine, hochwertige Speisenkarte und die Garantie sämtliche Speisen bis zum Schluss zu servieren findet seine Freunde. Oft bringt „Sie“ späte Gäste zu uns in die Bar, da diese wissen, hier noch etwas zu Essen zu bekommen. Außerdem sorgt das Foodangebot dafür, das Gäste länger bleiben.


Großer Fehler Nr. 3

Frühe Öffnungszeiten – 18.00 Uhr! Ich hatte Anfangs die Idee, das Le Lion ab 18.00 Uhr geöffnet sein muss, um den Gästen die Möglichkeit zum Aperitif zu geben. Nach gut 6 Monaten weiss ich, das Konzept des Löwen nicht mit einer klassischen Aperitife Bar einher geht. Für eine gut funktionierende Aperitifkultur braucht der Gast eine „gewisse“
Bühne, einen lichten Raum, voll Leben.

Das funktioniert im Gegenüber liegenden lebendigen Café Paris sehr gut, im „privaten“ Löwen hingegen gar nicht. Wir haben nun erst einmal die Öffnungszeiten auf 20.00 Uhr geändert. Sonntags ist ab sofort ebenfalls geschlossen. Das war der einzige Tag, der in der Innenstadt gar nicht funktioniert hat.

TOP Löwe Nr. 3

Garantierte späte Öffnungszeiten: Die Garantie das wir bis mindestens 3.00 Uhr jeden Abend geöffnet haben, hat uns schon viele gute, späte Gäste beschert. Bedenken, es würden sich dann oft angetrunkene Gäste einfinden, treffen nicht zu. Nach Mitternacht verkaufen wir viel Champagner, oft Flaschen. Die lange Öffnungszeit hat uns schon oft zu später Stunde sehr guten Umsatz gebracht.

Großer Fehler Nr.4

Wein: Trotz einer sehr guten Auswahl durch Klaus, Sommelier Café Paris, verkaufen wir sehr wenig Wein. Knapp 100 verschiedene Positionen stehen auf unserer Karte und binden weit mehr als 10.000 Euro Kapital im Keller. Drei Weinklimaschränke wurden ebenfalls für einen perfekten Weinservice angeschafft. Derzeit in keiner Relation zum
Verkauf – hier besteht dringender Handlungsbedarf.

TOP Löwe Nr.4

Champagner: Mittlerweile haben wir ca. 25 verschiedene Sorten Champagner im Haus. Die Auswahl hat sich bezahlt gemacht. Mittlerweile kommen viele Stammgäste auf „ihr“ Fläschchen vorbei, manchmal mehrmals die Woche. Wir verkaufen viel und gern Champagner.

Großer Fehler Nr.5

Videoüberwachung. Als wir ganz zu Beginn den Löwen geplant hatten, hatten wir gleich Kabel für eine eventuelle Videoüberwachung gelegt und Kameras installiert. Die Kamera im Gastraum haben wir nie angeschlossen (uns fehlte schlicht weg das Geld!) – hat uns aber kein Gast geglaubt.

Viele Gäste fühlten sich in der eigentlich sehr privaten Atmosphäre im Löwen massive durch das kleine „Auge“ in der Decke gestört. Wir haben es nun abgenommen. Big Brother ade – gut so! Wirtschaftsräume etc. bleiben Videoüberwacht – daran hat sich auch nie jemand gestört.


TOP Löwe Nr.5

Klingel – Mag es im ersten Moment doch etwas befremdlich klingen – schätzen viele Gäste unsere „geschlossene Tür“. Als wir während des Klimaanlagen Einbaus im Sommer die Tür offen stehen ließen hagelte es Proteste. „Warum ist die Tür auf…?“. Das Klingeln, gerade in Begleitung von Gästen der Gäste sorgt für einen ersten „Auftritt“ im Löwen.
Uns gibt es die Möglichkeit die Ablauf in der Bar perfekt zu steuern: Begrüßung, Garderobe, Platzierung – willkommen im Löwen!

Kategorien: Konzept,Le Lion um 13:57

8 Antworten zu “ Die Tops und Flops des Löwen – eine Zwischenanalyse ”

  1. Philipp

    Schön solch ehrliche Worte zu lesen. Fehler gesteht man ja eigentlich nicht so gerne ein.
    Ich wünsche weiterhin gutes Gelingen beim Abstellen der Fehler und ein baldiges Ende des Sommerlochs.

  2. Oliver Kirschner

    Herr Meyer ! – lieber Jörg;
    ein sehr realistisches Resüme der wirklichen Situation einer Bar in Deutschland.
    Zu Deinen Punkten:
    Barkeeperwitz – Man könnte auch in dieser Zeit (Fußball) die Bar schließen. Während solcher Massenveranstaltungen verliere ich persönlich jeden Glauben an eine kultivierte Gesellschaft.
    Fehler 1:
    Wir haben hier in Nürnberg ein 108 Jahre altes Haus mit traditioneller Sandsteinfassade; ein wunderbarer Wärmespeicher. Hinter der Theke haben wir schon Temperaturen über 30 Grad gemessen. Gott-sei-Dank konnen wir die Fenster öffnen und für ein wenig “Durchzug” sorgen und wir haben eine Terrasse.
    Löwe 1:
    Das Ding ist wirklich eine Schau !
    Fehler 2:
    Ich hatte 1989 in Nürnberg den ersten “Lounge-Raum”.Hinter einer Mauer – breite Phillip Stark Sessel und ein paar kleine Cocktailtische; Perserteppiche und ein paar Lampen und sonst nichts.Der Raum hat sich als Letzter gefüllt und als Erste geleert. Nach fünf Jahren Verzweifelns haben wir die Mauer abgerissen, die Einrichtung verkauft und “stinke-normal” aufmobliert und seit dem läuft der Raum.
    Löwe 2:
    Eine Bar muss Speisen haben ! O.K. – mit Euerer Gastronomie nebenan habt Ihr einen logistischen Vorteil, aber selbst wenn man den nicht hat, muss man sich in diesem Thema dringend was einfallen lassen. Wir haben Suppen und Eintöpfe; sowohl diverse kalte Speisen wie z.B. Serranoschinken und ähnliches.
    Fehler 3:
    Öffnungszeiten – Hatte ich auch mal den Traum ! Unsere Bar hat eine Süd-Südwest Lage. Man kann auf unserer Terrasse herrliche Sonnenuntergänge verfolgen. Dachte ich – kommen Leute nach der Arbeit und trinken was … usw. Nee, nee – so ist im großen Allgemeinen die Arbeitswelt nicht mehr und bei uns hier in Nürnberg gehen die Menschen nach der Arbeit erst mal heim. Nach zwei Jahren des Verzweifels haben wir von 17.00 Uhr auf 19.00 Uhr verändert und jetzt überlegen wir auch, ob nicht 20.00 Uhr noch besser ist. Ebenfalls überlegen wir immer bis 03.00 Uhr offen zu haben.
    Fehler 4:
    Früher gingen unsere vier Weissweine, ein Rose und drei Rotweine ganz gut. Mittlerweile haben wir auf einen Weisswein und einen Rotweine reduziert. Bei diesen zwei Weinen achten wir aber sehr auf Qualität.
    Löwe 4:
    Wir sind leider kein “Schampus”-Laden.
    Fehler 5:
    Warum habt Ihr diese installiert?
    Was waren Euere Überlegungen dazu?
    Löwe 5:
    Sind wir auch am überlegen; in einen gediegenen Club umbauen; mit Chesterfieldsofas und offenen Feuer (im Winter) während der Woche und dann die Türe zu.
    Am Wochenende die ganze Einrichtung wie Theaterkulisse wieder raus und auf breiteres Publikum möblieren.

    Mit Dir/Euch schwitzt in Nürnberg –
    Oliver Kirschner

  3. spanier

    super bericht. ich würde ein paar mehr tops hinlisten wollen, für mich ganz weit vorne, der service und das können. und kann zu euren flops gratulieren. es ist ein zeichen von grösse seine fehler zu gestehen. viel zu wenige menschen tun es. wir als produkt (premium-cola) sehen es als pflicht unsere fehler zu kommunizieren, denn nur so gewinnt mann beim kunde vertrauen. auf unser blog stellen wir fotos und auskunft über unsere produktionsfehler.

    schöne grüsse und bis bald, miguel.

    ps. ich war viel zu lange nicht mehr bei euch, dafür bin ich europameister, hehe.

  4. Jochen Reinecke

    Danke, sehr interessant, herlich, nachvollziehbar.

  5. Jrg

    ich schließe mich den Vorrednern an: Gratulation und Danke für diese offene Kommunikation. Ich habe mittlerweile den Aufstieg von vier verschiedenen Bars in Deutschland erlebt und mitgestaltet. Die Nischenproblematik hatten wir an allen Standorten, leider hatten wir dort ein wenig mehr Platz als ihr. In zwei Fällen konnten wir durch Pflanzentrenner Nischen schaffen, in den beiden anderen Fällen wurde umgebaut, jeweils im Sommer.

    Zum Wein: auch hier schließe ich mich einem Vorredner an. Wir hatten an einem Standort 25 Weine gelistet, auch mit entsprechendem Kühlschrank, nach einem halben Jahr haben wir die Weinkarte auf 5 geschrumpft, haben dort aber noch mehr auf Qualität geachtet.

    Öffnungszeiten: Der Traum eines Vollblut Barkeepers: Apertifgäste. Diesen Traum hatten wir auch. Am einem Standort haben wir das durch spezielle Angebote und sehr viel Werbung geschafft, eine After-Work-Hour zwischen 18 und 20 Uhr zu etablieren, aber der Aufwand war riesig und es hat sich nur höchst langsam ausgezahlt. Mittlerweile ist diese Einrichtung fix und auch gewünscht.

  6. drinkmix

    Ist mir gerade in die Hände gefallen und ich musste an den Großen Fehler Nr. 1 denken:

    Im Restaurant. Eine ältere Dame bittet den Kellner, die Klimaanlage schwächer zu stellen. Nach wenigen Minuten fächelt sie sich mit der Speisekarte Luft zu und ruft erneut den Kellner: “Wenn Sie jetzt die Aircondition bitte wieder etwas höher stellen könnten.” – “Aber gern.” Kaum fünf Minuten später: “Mich fröstelt, drehen sie bitte die Anlage wieder runter.” Ein Gast am Nebentisch winkt den Kellner zu sich: “Macht sie das ewige Hin und Her eigentlich nicht nervös?” – “Keineswegs, mein Herr. Wir haben nämlich überhaupt keine Klimaanlage.”

  7. Die Zwischenanalyse

    [...] http://www.barbaublog.de [...]

  8. Leigh

    These patches not just suppress the appetite but also increase the metabolism of the body.
    In fact, it is best for you long-term health to find a diet that gets you the maximum nutrients for the minimum calories.
    By becoming chubby, your success are affected inside the workplace therefore.

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